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Über weiter_erzählen

Anlässlich des Gedenkjahres 2018 versammelt _erinnern.at_ in wissenschaftlicher Kooperation mit dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus im online Archiv weiter_erzählen Video-, vereinzelt Audiointerviews mit Verfolgten des Nationalsozialismus. Die Berichte sind verschlagwortet, verschiedenen Themen und Orten zugeordnet, sequenziert und somit gut durchsuchbar. Manche dieser Interviews werden erstmals frei im Internet, in voller Länge und erschlossen zugänglich gemacht. Unter ihnen befinden sich mehrere Gespräche mit einem oder einer Interviewten aus verschiedenen Jahrzehnten. Dies erlaubt Nutzer*innen, verschiedene Zeugnisse derselben Person zu vergleichen. Diverse Institutionen und Privatpersonen haben diese Quellen in den vergangenen Jahrzehnten produziert und _erinnern.at_ nun Kopien zur Verfügung gestellt. Die Video- und Audiodateien wurden nach kuratorischen Kriterien gesichtet und zum Teil für die Veröffentlichung bearbeitet. Die Interviewsammlung soll dazu einladen, sich in sie zu vertiefen, sie zu durchsuchen und sich auf lebensgeschichtliche Erzählungen einzulassen. Das Archiv weiter_erzählen wächst im Jahr 2019 weiter. Es wurde aus Mitteln des Bundeskanzleramts finanziert und wird vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus weiter gefördert.

Nach welchen Kriterien werden die Interviews für dieses Archiv ausgewählt?

weiter_erzählen versucht, möglichst verschiedene NS-Verfolgte, die einen Bezug zu Österreich haben, zu Wort kommen zu lassen. Es gibt jedoch nicht von allen Gruppen gleichermaßen viele Videointerviews, und sie sind auch nicht gleichermaßen gut zugänglich. Wir zeigen Interviews, die noch mehr Öffentlichkeit bekommen, rezipiert, in der Bildung und Forschung verwendet werden sollten und möchten auf längst bestehende Sammlungen aufmerksam machen. Zudem ist es weiter_erzählen ein Anliegen, zu zeigen, wie vielfältig das Medium des Videointerviews ist, wie divers Interviewtechniken, Gestaltung, Produktionsbedingungen und Erzählformen sind. Dieses Projekt würdigt zum einen die Verfolgten, die ihre Geschichten und die ihrer ermordeten Verwandten und Freund*innen, trotz ihrer Verletzungen und gegen gesellschaftliche Widerstände, erzählten und gespeichert wissen wollten. Sie ergriffen oft selbst die Initiative, um Zeugnisse und Berichte für die Nachwelt aufzunehmen, zu speichern und zu sichern. Dieses Archiv würdigt aber auch die Disziplin der Oral History, professionelle und nicht professionelle Interviewer*innen, Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen, Journalist*innen und Filmemacher*innen generell, die mit Videointerviews in den vergangenen Jahrzehnten einen bedeutenden Quellenschatz geschaffen haben. Es ist auch dem Engagement all dieser Akteur*innen und den von ihnen produzierten Dokumenten zu verdanken, dass die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung gesellschaftlich erinnert wird.

Nach welchen Kriterien wurden die Videos und Audiodateien bearbeitet?

Bei manchen Interviews aus den Sammlungen Albert Lichtblau, Archiv für Gesprochenes Deutsch / Anne Betten, _erinnern.at_ , Werner Sulzgruber und dem Zentralkommitee der österreichischen Juden in Israel wurden Farbe, Ton oder Bildausschnitte korrigiert sowie zurückhaltend geschnitten. weiter_erzählen versucht, das ganze, aufgenommene Interview zur Verfügung zu stellen, es aber technisch zu verbessern, um das Hören und Sehen des Dokuments zu erleichtern. Mitunter entfernten wir Wiederholungen sowie Passagen, die sehr privat sind und offenbar nicht für eine breite Öffentlichkeit und Zugänglichkeit im Internet bestimmt waren.

Warum sind Audio- und Videointerviews wichtige Quellen und Medien für Forschung und Bildung?

Oral History Interviews und biografische Erzählungen sind bei der Erforschung und Vermittlung der nationalsozialistischen Verbrechen bedeutende historische und sozialwissenschaftliche Quellen, weil sie das Wissen und die Perspektive der Verfolgten vermitteln. Angehörige von SS, SA, nationalsozialistischer Polizei, Militär und Verwaltung dokumentierten ihre Teilhabe an der Verfolgung und Vernichtung oft bewusst nicht, sie beschönigten und verschleierten Sachverhalte. Sie vernichteten mitunter schriftliche Quellen. Und: Von Täter*innen produzierte Schriftstücke vermitteln eben diese Perspektive – die der Täter*innen. Audio- und Videointerviews mit Verfolgten des Nationalsozialismus erlauben es User*innen, auch zu hören, wie die Interviewten vor und nach der nationalsozialistischen Verfolgung lebten, wie sie über ihre Erfahrungen im Nachhinein denken. Durch das Sehen und Hören dieser Quellen können User*innen auch Rückschlüsse darauf ziehen, wie etwa die Atmosphäre und die Stimmung bei den am Interview Beteiligten war. Tonfall, Gestik, Mimik, Einflüsse von außen auf das Geschehen sind in diesen Dokumenten hör- oder sichtbar. War die Familie anwesend? Wie sieht der Raum aus, in dem das Gespräch stattfand? Wie gut entspann sich das Gespräch zwischen Interviewer*in und dem oder der Zeitzeug*in? Eine weitere Frage ist, ob es Bezüge zum aktuellen politischen Geschehen zur Zeit des Interviews gibt. Diese Quellen erlauben es, diese und viele weitere Sachverhalte zu analysieren.

Warum widersprechen sich Erzählungen in Interviews und historische Fakten manchmal?

Die Erfahrungen der Verfolgten spielten sich in ihrem Erfahrungshorizont ab, das heißt: Sie nahmen wahr und speicherten ab, was für sie relevant war. Die Verfolgten wurden oft nicht darüber informiert, wo sie sich befanden, mit wem sie es zu tun hatten und wie die Umgebung aussah. Irena Rowińska, ehemalige Zwangsarbeiterin, die einen Zwischenhalt im Konzentrationslager Mauthausen hatte, sagte in ihrem Interview für das Mauthausen Survivors Documentation Project: "Aber wir wussten nicht, dass das Mauthausen heißt, dass das Gusen heißt, woher auch. Weil niemand so gnädig war, uns das zu sagen". Zudem ist autobiografisches Erinnern und Erzählen ein Prozess, der im Dialog mit seiner Umwelt fortschreitet. Erinnerungen werden rekonstruiert und können sich im Lauf der Zeit verschieben.

Zum Weiterlesen:

Baer, Ulrich (Hrsg.): "Niemand zeugt für den Zeugen". Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah, Frankfurt/M., 2000.

Dreier, Werner; Laumer, Angelika; Wein, Moritz (Hrsg.): Interactions. Explorations of Good Practice in Educational Work with Videotaped Testimonies of Victims of National Socialism, Berlin, 2018.

Obertreis, Julia (Hrsg.): Oral History. Basistexte, Stuttgart, 2012.